Der Reservereifen, das Bordwerkzeug und ich
Verfasst: Sa 14. Apr 2012, 08:37
Hallo,
Nachdem wir im Osterurlaub ein doch recht in Erinnerung haftendes Erlebnis hatten, möchte ich euch das nicht vorenthalten. Die Worte stammen von meinem Bruder Roland (mit dem ich immer unterwegs bin und der auch der Akteur war), die Bilder sind von mir.
Aber lest selbst Rolands Worte:
Ich bin mir ziemlich sicher daß alle, die gerade ein neues Wohnmobil bekommen haben, sich irgend wann auch mit dem Bordwerkzeug auseinander gesetzt haben. Was ist überhaupt vorhanden, was verbiegt sich schon vom ersten Anschauen, was fehlt von allem Anfang an?
Als wir unser Womo vor mittlerweile 12 Jahren bekommen haben, habe ich das auch gemacht. Da beim Iveco Daily das Reserverad unter dem Rahmen hängt, hab ich mich auch ganz gemütlich auf einem Rest eines Spannteppichs unters Womo gelegt und mir die Situation "vor Ort" angesehen. Ergebnis der Besichtigung: Werkzeug komplett vorhanden, Ablauf in der Theorie klar, aufs Reifenwechseln kann ich aber dennoch gerne verzichten (Zwillingsreifen!).
So sind dann etliche Jahre ins Land gezogen, man achtet auf die Reifen - ein Reifenplatzer mit dem alten Womo genügt schließlich! Mittlerweile ist die dritte Garnitur Reifen drauf (also so ca. alle 4 Jahre), jetzt im Frühjahr Restprofil knapp über 4 mm, also für den nächsten Winter (Ganzjahresreifen) nicht mehr geeignet, aber kein Grund sichtbar, warum man nicht im Sommer noch damit fahren sollte.
Nur hatte jetzt zu Ostern in Italien ein Reifen eine andere Meinung...
Reifenplatzer hinten links innen!
Also mit Warnblinker in Schrittgeschwindigkeit auf der viel befahrenen und engen Landstraße weiter bis ins nächste Dorf, wo sich gleich vor den letzten Häusern eine passende Stelle findet, an der man auch ohne Lebensgefahr arbeiten kann.
Wie es sich in so einem Fall natürlich auch gehört, wurde die langandauernde Trockenheit genau in diesem Moment mit einem heftigen Gewitter beendet.
Nach dem ersten Nachlassen des Niederschlags dann noch ein paar Meter weiter nach vorne gefahren - unter dem Auto befand sich ein großer See...
Erste Erkenntnis: Mit einem Gabelschlüssel kommt man schwer zu einer Mutter, die in einem U-Profil liegt.
Zweite Erkenntnis: Es wird noch schwerer, wenn der aufgebrachte Unterbodenschutz auch diese Mutter vor Rost schützt...
Wie das Leben so spielt stehen wir aber hier genau vor dem Haus des mittlerweile pensionierten Dorfmechanikers, der uns nach einer kleinen Odysse von Uli - wovon sie sicher besser berichten kann - mit Rat und Werkzeug zur Seite steht!
Also mit geliehenem 22er-Ringschlüssel die Reserveradhalterung gelöst und Halterung herunter geklappt.
Bleibt nur noch die einzige Schraube zu lösen, die das Reserverad auf der Halterung festhält.
Tja, leider haben sich offensichtlich auch bei sorgfältigster Verarbeitung ein paar Spritzer vom Unterbodenschutz auf das Gewinde verirrt!
Von Vierteldrehung zu Vierteldrehung geht die Mutter immer schwergängiger!
Ein Wasserleitungsrohr wird mir vom Meccanico unters Womo gereicht. Und Sprühöl. Und der gute Ratschlag - auf italienisch natürlich, aber italienisch spricht man doch auch mit Händen und Füßen! - ich solle die Mutter wieder zudrehen und mit dem Sprühöl gängig machen. Ja, das funktioniert natürlich bei einer verrosteten Schraube ganz gut, aber nicht bei Kaugummi... äh, Unterbodenschutz!
Irgendwann bin ich ziemlich am Ende meiner Kräfte, will schon aufgeben und einen Pannendienst rufen.
Aber die Mutter ist zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich am Ende des Bolzens und eigentlich kann es nur mehr besser werden.
Also "in die Riemen legen", die Radhalterung irgendwie unter der Schulter fixieren und mit beiden Händen mit aller Kraft am wasserleitungsrohrverlängertem Hebel ziehen bis diese ...-Mutter eine sechstel Drehung hinter sich hat und ich den Radschlüssel nachsetzen kann, um wieder mit aller Kraft...
Nach scheinbar endloser Zeit - in Wirklichkeit knapp zwei Stunden - geben auch die letzten Windungen der Schraube nach und der Reservereifen liegt frei.
Der Rest ist nahezu Routine, die Radmuttern lassen sich leicht lösen (hab das gleich am Anfang der Aktion getestet).
Das innere Rad ist zwar noch festgefressen und läßt sich auch mit Fußtritten nicht lösen, aber der zur Verfügung gestellte Hammer (letzte Hürde: 5 kg Hammer an 1 m Stiel unterm Womo liegend zielgerichtet führen...) sorgt für die nötige Wirkung.
Das Rad ist endlich gewechselt, ich bin am Ende meiner Kräfte.
Gott sei Dank spielte das Thema Wagenheber keine Rolle! Die hydraulischen Hubstützen sind auf halbwegs ebenen Gelände ein vollwertiger Ersatz für den Wagenheber - und per Tastendruck zu betätigen...
Tja, der andauernde Regen während dieser Aktion bedingt auch noch das allerletzte Kapitel: tropfnaß vor der Womo-Tür stehend ersuche ich Uli, mir eine komplette Garnitur frischer Wäsche - wirklich bis Socken und Unterhose alles! - in die Dusche zu legen, samt einem großen, universell verwendbarem Müllsack für die nasse Wäsche. Eine gepflegte Dusche - ich liebe das Womo! - und für den Energiehaushalt ein paar Pocket Coffee eingeworfen und die Reise kann weiter gehen!
Die blauen Flecke und der Muskelkater sind nicht dokumentarisch festgehalten.
Und ein Satz neuer Reifen ist bereits bestellt.
Und die Moral von der Geschichte?
Bitte überlegt euch nicht nur theoretisch einen Reifenwechsel, sondern führt ihn auch in der Praxis einmal durch - an passender Stelle, bei passendem Wetter, zur passenden Zeit, unter optimalen Bedingungen. Völlig egal, aber macht es einmal!
Roland
http://www2.messerschmidt.co.at/images/ ... G_9645.JPG
http://www2.messerschmidt.co.at/images/ ... G_9643.JPG
Nachdem wir im Osterurlaub ein doch recht in Erinnerung haftendes Erlebnis hatten, möchte ich euch das nicht vorenthalten. Die Worte stammen von meinem Bruder Roland (mit dem ich immer unterwegs bin und der auch der Akteur war), die Bilder sind von mir.
Aber lest selbst Rolands Worte:
Ich bin mir ziemlich sicher daß alle, die gerade ein neues Wohnmobil bekommen haben, sich irgend wann auch mit dem Bordwerkzeug auseinander gesetzt haben. Was ist überhaupt vorhanden, was verbiegt sich schon vom ersten Anschauen, was fehlt von allem Anfang an?
Als wir unser Womo vor mittlerweile 12 Jahren bekommen haben, habe ich das auch gemacht. Da beim Iveco Daily das Reserverad unter dem Rahmen hängt, hab ich mich auch ganz gemütlich auf einem Rest eines Spannteppichs unters Womo gelegt und mir die Situation "vor Ort" angesehen. Ergebnis der Besichtigung: Werkzeug komplett vorhanden, Ablauf in der Theorie klar, aufs Reifenwechseln kann ich aber dennoch gerne verzichten (Zwillingsreifen!).
So sind dann etliche Jahre ins Land gezogen, man achtet auf die Reifen - ein Reifenplatzer mit dem alten Womo genügt schließlich! Mittlerweile ist die dritte Garnitur Reifen drauf (also so ca. alle 4 Jahre), jetzt im Frühjahr Restprofil knapp über 4 mm, also für den nächsten Winter (Ganzjahresreifen) nicht mehr geeignet, aber kein Grund sichtbar, warum man nicht im Sommer noch damit fahren sollte.
Nur hatte jetzt zu Ostern in Italien ein Reifen eine andere Meinung...
Reifenplatzer hinten links innen!
Also mit Warnblinker in Schrittgeschwindigkeit auf der viel befahrenen und engen Landstraße weiter bis ins nächste Dorf, wo sich gleich vor den letzten Häusern eine passende Stelle findet, an der man auch ohne Lebensgefahr arbeiten kann.
Wie es sich in so einem Fall natürlich auch gehört, wurde die langandauernde Trockenheit genau in diesem Moment mit einem heftigen Gewitter beendet.
Nach dem ersten Nachlassen des Niederschlags dann noch ein paar Meter weiter nach vorne gefahren - unter dem Auto befand sich ein großer See...
Erste Erkenntnis: Mit einem Gabelschlüssel kommt man schwer zu einer Mutter, die in einem U-Profil liegt.
Zweite Erkenntnis: Es wird noch schwerer, wenn der aufgebrachte Unterbodenschutz auch diese Mutter vor Rost schützt...
Wie das Leben so spielt stehen wir aber hier genau vor dem Haus des mittlerweile pensionierten Dorfmechanikers, der uns nach einer kleinen Odysse von Uli - wovon sie sicher besser berichten kann - mit Rat und Werkzeug zur Seite steht!
Also mit geliehenem 22er-Ringschlüssel die Reserveradhalterung gelöst und Halterung herunter geklappt.
Bleibt nur noch die einzige Schraube zu lösen, die das Reserverad auf der Halterung festhält.
Tja, leider haben sich offensichtlich auch bei sorgfältigster Verarbeitung ein paar Spritzer vom Unterbodenschutz auf das Gewinde verirrt!
Von Vierteldrehung zu Vierteldrehung geht die Mutter immer schwergängiger!
Ein Wasserleitungsrohr wird mir vom Meccanico unters Womo gereicht. Und Sprühöl. Und der gute Ratschlag - auf italienisch natürlich, aber italienisch spricht man doch auch mit Händen und Füßen! - ich solle die Mutter wieder zudrehen und mit dem Sprühöl gängig machen. Ja, das funktioniert natürlich bei einer verrosteten Schraube ganz gut, aber nicht bei Kaugummi... äh, Unterbodenschutz!
Irgendwann bin ich ziemlich am Ende meiner Kräfte, will schon aufgeben und einen Pannendienst rufen.
Aber die Mutter ist zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich am Ende des Bolzens und eigentlich kann es nur mehr besser werden.
Also "in die Riemen legen", die Radhalterung irgendwie unter der Schulter fixieren und mit beiden Händen mit aller Kraft am wasserleitungsrohrverlängertem Hebel ziehen bis diese ...-Mutter eine sechstel Drehung hinter sich hat und ich den Radschlüssel nachsetzen kann, um wieder mit aller Kraft...
Nach scheinbar endloser Zeit - in Wirklichkeit knapp zwei Stunden - geben auch die letzten Windungen der Schraube nach und der Reservereifen liegt frei.
Der Rest ist nahezu Routine, die Radmuttern lassen sich leicht lösen (hab das gleich am Anfang der Aktion getestet).
Das innere Rad ist zwar noch festgefressen und läßt sich auch mit Fußtritten nicht lösen, aber der zur Verfügung gestellte Hammer (letzte Hürde: 5 kg Hammer an 1 m Stiel unterm Womo liegend zielgerichtet führen...) sorgt für die nötige Wirkung.
Das Rad ist endlich gewechselt, ich bin am Ende meiner Kräfte.
Gott sei Dank spielte das Thema Wagenheber keine Rolle! Die hydraulischen Hubstützen sind auf halbwegs ebenen Gelände ein vollwertiger Ersatz für den Wagenheber - und per Tastendruck zu betätigen...
Tja, der andauernde Regen während dieser Aktion bedingt auch noch das allerletzte Kapitel: tropfnaß vor der Womo-Tür stehend ersuche ich Uli, mir eine komplette Garnitur frischer Wäsche - wirklich bis Socken und Unterhose alles! - in die Dusche zu legen, samt einem großen, universell verwendbarem Müllsack für die nasse Wäsche. Eine gepflegte Dusche - ich liebe das Womo! - und für den Energiehaushalt ein paar Pocket Coffee eingeworfen und die Reise kann weiter gehen!
Die blauen Flecke und der Muskelkater sind nicht dokumentarisch festgehalten.
Und ein Satz neuer Reifen ist bereits bestellt.
Und die Moral von der Geschichte?
Bitte überlegt euch nicht nur theoretisch einen Reifenwechsel, sondern führt ihn auch in der Praxis einmal durch - an passender Stelle, bei passendem Wetter, zur passenden Zeit, unter optimalen Bedingungen. Völlig egal, aber macht es einmal!
Roland
http://www2.messerschmidt.co.at/images/ ... G_9645.JPG
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